Oder was ein Problem-Wolf mit Ihrer Wachstumsstrategie zu tun hat

Probleme haben einen schweren Stand. Der Wolf, der in Bad Wildbad Schafe gerissen hat, bekommt das wahrscheinlich bald am eigenen Leib zu spüren, zumindest wenn er weiter als Problemwolf betrachtet wird. Wie dem Wolf geht es den Problemen im Geschäftsleben. Keiner will sie haben. Man versucht sie loszuwerden. Die Geschichte vom Wolf in Bad Wildbad ist eine Einladung zum Standpunktwandel: Betrachten Sie Ihre Probleme einmal positiv. Erkennen Sie den Erfolgswolf. Aus dieser neuen Perspektive resultieren überraschende Impulse für Ihre Wachstumsstrategien.

Die Fakten

Vermutlich ist es ein Wolf, der für den Tod von mehr als 40 Schafen in Bad Wildbad verantwortlich ist. Demnach hat der Wolf am 2. Mai 2018 16 Schafe gerissen, 16 Schafe ertranken auf der Flucht, 11 mussten aufgrund ihrer Verletzungen eingeschläfert werden.

Klaus Mack ist Bürgermeister von Bad Wildbad, einer Stadt im Landkreis Calw in Baden-Württemberg mit rund 10.000 Einwohnern. Er zeigt sich besorgt ob des Wolfangriffs und fordert politische Unterstützung. Doch die Politik ist uneins über die Konsequenzen.

Katharina Krüger ist Journalistin und Kolumnistin beim SWR. Sie hat einen offenen Brief an Herrn Klaus Mack, Oberbürgermeister von Bad Wildbad verfasst. Dieser Brief wurde am 4. Mai 2018 bei SWR 1 ausgestrahlt.

Der offene Brief: Problemwolf oder Erfolgswolf? 

Lieber Klaus Mack! Ich schreibe Ihnen einen Brief, damit Sie sich freuen. Ihre Stadt im Nordschwarzwald kennen seit dieser Woche sogar die Menschen in Vorpommern. Warum? Sie haben einen Wolf. 

Und zwar nicht so einen verhuschten Schleicher, der ab und an von Joggern im Dickicht gesichtet wird, oder der sich auf der Autobahn überfahren lässt. Sie haben einen richtigen Problemwolf, und ein bedauernswerter Schäfer leider 43 Tiere weniger. 

Aus den Indizien am Tatort ziehen Sie, lieber Klaus Mack, Ihre Schlüsse. Interessanterweise ganz ähnliche wie damals in Bayern, als Edmund Stoiber uns allen sehr eindrucksvoll den Unterschied zwischen Schadbär und Problembär erklärt hat. Sie sagen, ähnlich wie Stoiber damals: Der Bär/ der Wolf muss weg. Und nicht nur das. Sie wollen das Jagdrecht ändern, und Wölfe regulieren, damit, Zitat, „Mensch und Wolf ein Miteinander hier in der Region finden können.“ 

Also, wenn ich Wolf wäre, würde mir so ein Miteinander ganz schön Angst einjagen. Denn mit „regulieren“ meinen Sie doch: Wölfe, die dauerhaft Probleme machen, werden abgeknallt. Das kennen wir aus dem Märchen, nur wurde dem Wolf da der Wanst aufgeschnitten, Steine reingesteckt, und das Tier anschließend im Brunnen versenkt. Aber das kann doch nicht die Lösung sein. 

Herr Mack, Sie müssen als Bürgermeister diesen Konflikt für Ihre Stadt nutzen. Machen Sie aus dem Problemwolf einen Erfolgswolf. Zeigen Sie den Menschen anderswo in Deutschland, dass Bad Wildbad verstanden hat, wie kluges Marketing funktioniert. 

Laden Sie die Schäfer der Nation zu einem Workshop ein. Schafe einzäunen 3.0. Dass ein Wolf sich selbst von einem Fluss nicht davon abhalten lässt, eine Schafherde zu erreichen, wissen wir seit spätestens dieser Woche. Aber solche widrigen Umstände können doch das Land der Zaunhersteller nicht davon abhalten, eine Herde Schafe korrekt einzufrieden. Gehen Sie voran in Bad Wildbad! 

Bieten Sie Wolfswanderungen für Touristen an! Die Mehrheit der Menschen findet es nämlich völlig in Ordnung, dass es wieder Wölfe bei uns gibt. Das hat jedenfalls kürzlich eine Umfrage des Naturschutzbundes ergeben. Das Geld, das Sie mit den Wolfswanderungen einnehmen, könnten Sie den Schäfern zugutekommen lassen. 

So entsteht ein Miteinander in der Region. Edmund Stoiber hat damals gesagt „Wir freuen uns, einen sich normal verhaltenden Bären in Bayern zu haben.“ Machen Sie mit Ihrem Wolf in Bad Wildbad etwas Besseres, als die Verantwortlichen damals. 

Herr Mack, Sie können das! Es grüßt Sie herzlich Ihr Fan, Katharina Krüger.

Neue Strategien durch neue Standpunkte

Nun fragen Sie sich vermutlich, warum ich diese Geschichte schreibe. Das ist ja vielleicht ganz interessant, was da in Bad Wildbad passiert ist. Doch was hat das mit Strategien zu tun?

In der Tat geht es um viel mehr. Denn der Brief von Frau Krüger verdeutlicht auf wunderbare und plakative Weise, wie ein neuer Standpunkt zu völlig neuen Strategien führt. Ist der Wolf ein Problem, dann wird er beseitigt. Ist der Wolf hingegen eine Chance, eröffnet das viel Potenzial für den Schäfer, für die ganze Stadt und für alle Besucher. Alles ganz ohne Politik.

Negative Wertung: Das Problem „wegmachen“

Ist der Wolf ein Problem, dann herrscht die Angst vor weiteren Angriffen vor. Aus der Angst heraus ergeben sich selten gute Strategien. Aus der negativen Bewertung heraus wird der Wolf gejagt und getötet. Das war es dann für den Wolf – und für die Stadt Bad Wildbad auch. Einzig die Schafe freuen sich vermutlich über ihre gestiegenen Überlebenschancen. Doch der Schaden bleibt und die Angst auch.

Positive Wertung: Das Problem als Chance für Win-Win

Wird der Wolf jedoch als Chance gesehen, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Plötzlich sind ganz andere Strategien auf dem Tisch: Workshops im Zaunbauen, wovon Schäfer (und andere Bauern) wie auch Hersteller profitieren; Solidarisierung der Schäfer, Zaunhersteller, Bürger und Besucher als eine „Schicksalsgemeinschaft“; Wolfswanderungen als touristische Attraktion und Besuchermagnet. Die Einnahmen aus den verschiedenen Quellen entschädigen den Schäfer für seine Verluste um ein Vielfaches. Die Hilfe der Politik ist immer noch willkommen, aber nicht dringend erforderlich. Denn die Betroffenen generieren die nötigen Einnahmen aus eigener Kraft. Das Beste daran ist: Diese Strategien lassen sich mit einfachen Mitteln umsetzen.

Vom Geschädigten zum populären Gewinner

Der Schäfer kann seine nun gewonnene Popularität für neue Geschäftsmodelle nutzen: Kursangebote, Führungen zum Ort des Geschehens, Geschichten aus erster Hand, Erklärungen zum Verhalten von Schafen und Wölfen. Er kann sich als Experte positionieren, Vermarktung über Social Media inklusive.

Doch das ist immer noch die Geschichte aus Bad Wildbad. Wie können Sie strategisch davon profitieren? 

Eine Frage: Wie gehen Sie mit Problemen um? 

Wenn bei Ihnen im Unternehmen Probleme auftauchen, wie gehen Sie damit um? Wie bewerten Sie Probleme? Heißen Probleme bei Ihnen Herausforderungen? Dann haben Sie vermutlich einen Teil der Chancen schon verpasst. Schauen Sie einmal genau hin. Was passiert mit Problemen? 

Oft möchte sie keiner haben, die Probleme, denn das ist allzu leicht ein Makel. Wer als Mitarbeiter Probleme macht, hat meist mit Schwierigkeiten zu rechnen. Abteilungen, die Probleme machen (zu teuer, zu langsam, zu starr) werden oft restrukturiert oder gleich outgesourct. Besonders oft trifft das unterstützende Prozesse wie Personal, Finanzen, IT und Logistik. Ist ein Unternehmen nicht profitabel, also insgesamt problematisch, dann werden Kosten abgebaut und neue Strukturen etabliert.  

Die Hoffnung, das Problem so loszuwerden, trügt jedoch meist. Statistisch resultiert aus rund 1/3 der Restrukturierungen eine höhere Profitabilität (https://www.researchgate.net/publication/279927986_Strategies_for_responsible_restructuring). Am Beispiel Opel sieht man, wozu Probleme loswerden mit Kostenreduktion führt, am Beispiel Deutsche Bank ebenso. 

Probleme loswerden ist eine verbreitete Strategie, führt jedoch selten zu den gewünschten Ergebnissen. Der Wolf kommt zurück – oder der nächste Wolf steht vor der Tür. 

Probleme mit anderen Augen sehen 

Daher ist ein Schlüssel zum Erfolg und zu funktionierenden Wachstumsstrategien das positive Betrachten von Problemen, also Probleme mit neuen Augen sehen. Nehmen Sie Ihre Probleme einmal als Aufforderung, genau hinzusehen. Wie können Sie das Problem für sich nutzen? Das steckt schon im Wort Pro-blem. Offensichtlich ist es für uns da, nicht gegen uns. Sonst wäre es ja ein Anti-blem. 

Weiterentwicklung findet dort statt, wo man sich Problemen stellt. Andernfalls entwickeln sich die Probleme weiter. Thom Renzie 

Probleme als Wachstumschancen – Beispiele 

Sie haben Mitarbeiter, die Probleme bereiten? In der Regel sind die Leute weder dumm noch unwillig. Oft sind sie falsch eingesetzt. Passen Stärken und Aufgaben zusammen? Wenn nicht, wie lassen sich Stellenprofile, Auswahlprozesse und Besetzungen verbessern? Vielleicht ist auch die Motivation verloren gegangen, etwa wegen nicht eingehaltener Versprechen. Ein ehrliches Gespräch kann das bereinigen. Wie lässt sich in Zukunft Demotivation vermeiden? 

Ist die Personalfunktion administrativ ausgerichtet? Negativ betrachtet lassen Sie das Problem links liegen und nutzen externe Dienstleister – oder resignieren. Positiv betrachtet entwickeln Sie eine Strategie, mit der Sie eine wertschaffende Rolle entwickeln. In Zeiten des Fachkräftemangels gewinnen Sie dadurch entscheidende Wettbewerbsvorteile. 

Ist Ihre IT in der Sorge vor Outsourcing gefangen? Sie wissen schon, was die Folgen der negativen Betrachtung sind. Die Alternativen sind: Lassen Sie abteilungsübergreifende Prozesse für den Informationsfluss oder die automatisierte Kundenkommunikation realisieren, entwickeln Sie neue Wege der Datenerfassung und -analyse. Damit gewinnen alle Beteiligten an Wertbeitrag und Wertschöpfung.  

Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbs ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel an Einfällen. – Walther Rathenau 

Wenn ganze Unternehmen Probleme haben, also die Erträge sinken, dann liegt das häufig daran, dass die eigentliche DNA verloren gegangen ist oder dass neue Strategien zu entwickeln sind. In der heutigen Zeit funktioniert mehr vom Selben immer schlechter. Die Digitalisierung ist ein Problem? Nutzen Sie die Digitalisierung stattdessen als Chance für die Erneuerung des Unternehmens. Das ist erst einmal Strategie, dann Technik. 

Viele dieser Problem-Beispiele lassen sich nicht wegrationalisieren. Hier noch ein paar Ideen. Opel könnte sich auf seine Stärken besinnen, um sich neu zu erfinden, statt Mitarbeiter abzubauen und wertvolles Wissen zu verlieren. GEA als Konglomerat aus technisch hoch versierten Unternehmen könnte sein Wissen integrieren und dadurch neue Wachstumsfelder erschließen. Die Deutsche Bank wäre die ideale Beraterbank für die gehobene Kundschaft. Die dauerhaften Probleme zeigen, dass Integrität und Verlässlichkeit herzustellen sind, um wieder Vertrauen zu gewinnen und zu wachsen. 

Diese Beispiele verdeutlichen die Macht, die in neuen Standpunkten steckt. Sie sehen Ihr Unternehmen mit neuen Augen und gewinnen neue Strategien: Einträgliche Lösungen, bei denen alle gewinnen.

Ihre To Do Liste 

Ein Problem ist halb gelöst, wenn es klar formuliert ist. – John Dewey 

  • Sammeln Sie die Probleme in Ihrem Unternehmen, Ihrer Abteilung, Ihrem Team. Schauen Sie genau hin, um die Probleme wirklich zu verstehen. Was ist der Wolf in Ihrem Unternehmen?
  • Was ist Ihr erster Impuls im Umgang mit den Problemen? Zur Seite legen, vor sich herschieben, direkt anpacken, …? Im Wolfsfall: Hoffen, dass es nicht noch einmal passiert, direkt auf die Jagd gehen, die Politik um Hilfe bitten, den Tierschutz holen, …? Zu welcher Sorte Problemlöser gehören Sie?
  • Fragen Sie sich, was die Probleme, die Sie nun definiert haben, Ihnen sagen wollen. Was sollen Sie lernen? Wo kann das Unternehmen sich weiterentwickeln – oder die Menschen? Aus welchen Komfortzonen schubst das Problem Sie hinaus? Zu welcher Veränderung fordert der Wolf Sie auf?
  • Wie können Sie von Ihren Problemen profitieren? Welche Chancen für die Zukunft können Sie aus dem Problem ableiten, wenn Sie es positiv betrachten? Was ist das Gute am Wolf, der Sie mit einer neuen Situation konfrontiert?
  • Sprechen Sie mit Ihren Kollegen und Teams darüber, wie Sie Probleme auf positive Weise nutzen können. Damit gewinnen Sie weitere Ideen und Strategien. Nehmen Sie die Geschichte vom Wolf in Bad Wildbad zur Hilfe; die macht es leichter und illustriert den Standpunktwandel.

Ausblick 

Probleme haben heute einen schweren Stand im Geschäftsleben. Dabei bieten Sie einen enormen Schatz, sobald wir erlauben, dass unsere etablierten Gedanken herausgefordert werden. Probleme sind nicht unsere Feinde. Mit der Betrachtung geht ihr Wert verloren. Ändern Sie Ihren Blickwinkel und betrachten Sie Probleme als Ihre Freunde, die Sie zum nächsten Wachstumsschritt auffordern. Damit handeln Sie so klug wie Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit der derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. 

Mein Team und ich stehen Ihnen für Fragen gerne zur Verfügung, Kontakt über a.henke@carpeviam.com. 

Anja Henke

Anja Henke

Dr. Anja Henke ist Gründerin und Geschäftsführerin von Carpe Viam. Mit ihrem Team unterstützt die Naturwissenschaftlerin Konzerne und Mittelstand für Umsatz- und Ertragswachstum, Innovation und Marktführerschaft.
Anja Henke